Der Entwurfsprozess bildet an Kunst- und Designhochschulen eine wesentliche Form des Denkens, Lernens, Lehrens und Forschens. Dabei werden Entwurfsprozesse zunehmend durch digitale Kollaborations- und Kommunikationsprozesse bestimmt, die im hochschulischen  Lehren und Lernen neue Anforderungen und didaktische Implikationen mit sich bringen.

Wie können digitale projektbasierte Lernszenarien in Hochschulen kollaborative Entwurfsprozesse unterstützen und begleiten? Welche Herausforderungen sind damit verbunden? Welchen Einfluss hat die digitale Unterstützung des Entwurfsprozesses auf die Kompetenzprofile der Absolvent*innen? Wie lassen sich inter- oder transdisziplinäre Entwurfsprozesse in digitalen Lernumgebungen gestalten?

Diesen und weiteren Fragen soll zusammen mit Lehrenden, Forschenden und Studierenden in der Konferenz nachgegangen werden. Ausgehend von unterschiedlichen Einblicken in die aktuelle entwurfsbasierte und mediengestützte Lehr- und Lernpraxis sollen gemeinsam neue Impulse und Sichtweisen entdeckt, diskutiert und entworfen werden.

Organisation:
Prof. Philipp Heidkamp, Dr. Elisabeth Kaliva, Daniela Meinhardt, Jule Schacht, Prof. Andreas Wrede

Titelmotiv: © Franziska Bax, 2017
Photos: © Hanna Freres, 2017


Begrüßung und Einleitung

Liebe Referentinnen und Referenten, liebes KISD Kollegium, liebe Studierende,

ich möchte Sie zu unserer Konferenz begrüßen und ich freue mich, dass sie so zahlreich erschienen sind. Mein Name ist Elisabeth Kaliva und ich bin Referentin für Blended Studies hier an der Fakultät für Kulturwissenschaften der TH Köln.

Mit Blick auf die derzeit  stark diskutierte “Digitalisierung der Hochschullehre” scheint das Thema der heutigen Konferenz auf den ersten Blick ein Nischenthema zu sein.

Ein Thema, das sich dem Einsatz digitaler Lehr-Lernformate in den Gestaltungswissenschaften zur Unterstützung von kollaborativen Entwurfsprozessen widmet. Dabei entstehen natürlich, wie immer bei digitalen Lernformen besondere Anforderungen. In den Gestaltungswissenschaften werden diese durch die Auseinandersetzung mit und die Durchführung von Entwurfsprozessen geprägt und bestimmt. Durch diese spezifischen Anforderungen scheint  sich  die  Lehre und das Lernen vordergründig von dem Lehren und Lernen in anderen Fachkulturen zu unterscheiden.

Folgt man jedoch dem Designtheoretiker TOMAS MALDONADO, ist der Prozess des Entwerfens in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig und keineswegs dem Design, der Architektur oder der Kunst vorbehalten. Alles, was uns umgibt ist das Ergebnis von  bewussten oder unbewussten Gestaltungsprozessen  aus denen Entwürfe oder auch Fehlentwürfe hervorgehen  können.

Im herkömmlichen Sinne lässt sich der Entwurfsprozess als eine anwendungsorientierte und ergebnisfokussierte Tätigkeit beschreiben, aus der Produkte, Kommunikationsmittel oder Services entstehen  können. Fasst man den Begriff jedoch weiter, so beschreibt er einen handlungsorientierten, wissensgenerierenden und forschenden Prozess, in dem nicht die (Er-)Schaffung eindeutiger Artefakte im Mittelpunkt steht, sondern die Ergründung komplexer Fragestellungen in iterativen und experimentellen Aushandlungsprozessen. Dabei entstehen Wissensobjekte, die nicht apriori eindeutig sein müssen, sondern in ihrer Unbestimmtheit und Ambivalenz zu neuen Fragen und Sichtweisen führen können. Sichtweisen, die man vorher nicht hätte erahnen können. Das Entwerfen wird damit zu einem Erkenntnisprozess, der Wissen hervorbringt.

Diese zwei Perspektiven auf den Entwurfsprozess als anwendungsorientierter Tätigkeit einerseits und forschender Auseinandersetzung andererseits, sind durchaus komplementär zu denken. Zugleich begründen sie die Vielfältigkeit der Gebiete, in den Entwurfsprozesse stattfinden können. So wird der Entwurfsprozess nicht nur in der Architektur, der Kunst oder dem Design verwendet und reflektiert, sondern auch in den  Natur- und Ingenieurwissenschaften. In allen Disziplinen beschreibt er eine hochkomplexe Vorgehensweise, die von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird. Der  Raum, in dem Entwurfsprozesse  stattfinden, ist ebenso wichtig, wie die soziale Interaktion der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure, und – um auf das Konferenzthema zurückzukommen – analoge und digitale Tools sowie Methoden.

Trotz umfassender Forschungsaktivitäten zu all diesen Faktoren, wird der Entwurfsprozess dennoch vergleichsweise selten zum Gegenstand didaktischer Überlegungen. Sein Potenzial, hochschulische Lehr-Lernformate in ganz unterschiedlichen Disziplinen weiterzuentwickeln und mit Überlegungen und Ansätzen aus der Blended Learning Forschung zu verbinden, bleibt damit unausgeschöpft. Dabei bieten vor allem projekt- und forschungsbasierte Lernsettings mit ihrer handlungsorientierten Struktur und ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung einen passenden Rahmen, um ausgehend vom Entwurfsprozess, interdisziplinäre Überlegungen zu einer Digitalisierung der Lehre anzustellen. An der TH Köln haben diese studierendenzentrierte Lernformate in den letzten Jahren eine besondere Aufmerksamkeit und Gewichtung erfahren und unterstreichen damit die Relevanz aber auch die Interdisziplinarität der heute vorgestellten Themen und diskutierten Fragen.

Die Anforderungen an Design haben sich offensichtlich verändert – oder doch nur scheinbar? Wenn wir ein halbes Jahrhundert zurückblicken – die Zeit, in der Viktor Papanek mit seinem Werk Design for the Real World (1971) aus der Industrial Designers Society of America (IDSA) ausgeschlossen wurde. Mit diesem Werk kam eine Erweiterung und Öffnung des Design- und Gestaltungsbegriffes – das stellvertretend für einschneidende Einsichten zu Beginn der Siebzigerjahre steht – eine Wende, eine Zäsur, eine Setzung die heute noch wirkt. Sein sehr breiter Designbegriff, die damit entstehenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten von Reflektionen, Interventionen und Limitationen sind auch für heutige Diskurse und die Bedeutung des Entwurfs – oder Entwurfs von Welt (Otl Aicher) relevant.

Designer und Gestalter entwerfen und denken in spezifischen Prozessen, machen Verdecktes durch Entwürfe anschaulich (für sich und andere). Wie genau diese Entwürfe zustande kommen, wie nachvollziehbar und damit vielleicht auch formalisierbar und damit wiederum digital abbildbar diese Prozesse sind, sein können oder sein sollen ist sicherlich eine Teilfrage, die uns heute beschäftigt.

Unsere Erfahrung, unsere Sicht auf die Welt, aber auch unsere Prozesse, Methoden und Herangehensweisen bestimmen die Qualität unserer Ergebnisse. Wenn wir die Ergebnisse verbessern wollen, dann müssen wir auf die Prozesse, also auf die Entwurfsprozesse schauen. Wir müssen nicht nur Produkte bewerten und neu entwerfen, sondern auch unsere Prozesse.

Im BIldungskontext an Hochschulen wird die Frage nach einfachen, kommunizierbaren, repetierbaren, fakturierbaren Modellen für solche Prozesse immer wieder aufgeworfen. Sollen wir den Double Diamond Prozess verwenden lehren – und vielleicht sogar durch seine ihm eingeschriebenen Möglichkeiten der Formalisierung eine Digitalisierung “lehren” – oder ist das zu affirmativ?

In einer komplexer werdenden Welt bleibt auch das Design von der Forderung nach Pragmatik, Anwendbarkeit, Verwertbarkeit und Verständlichkeit über Disziplinen hinweg nicht ausgespart. Das Gegenteil ist der Fall.

Es handelt sich bei unseren Themen im Design oft um komplexe „Dispositive“, und dieser Begriff lässt sich durchaus in Anlehnung an die von Michel Foucault formulierten heterogenen Ensembles, die eine Wirkungseinheit bilden, verstehen. Design mit seinen Entwurfspotenzialen der formalen Artikulation wird vorwiegend genutzt, um handlungsfähig zu bleiben, ohne das Zusammenspiel dieser komplexen Systeme ergründen zu müssen. In diesem Paradox entfaltet sich eine entscheidende Qualität von Design – und das betrifft ganz entscheidend dann eben auch den Entwurfsprozess.

Es geht also um sehr verschiedene Dimensionen, die in der entwurfspraktischen Arbeit heute an Designhochschulen, aber auch in anderen Studiengängen, relevant sind, zum Tragen kommen, sich aber auch strukturell verändern.

Aus meiner Sicht – und meiner Erwartungshaltung – geht es um die vier zentrale Dimensionen, die in einem engen Wechselspiel zueinander stehen und von den heutigen Rednerinnen und Rednern in Teilen adressiert und hoffentlich abschließend in eine Verbindung gebracht werden:

  • Kollaboration
    Vernetztes Arbeiten ermöglicht heute im Designbereich selbstverständliche Formen der Kollaboration auch über räumliche Distanzen hinweg – um so die Effizienz zu steigern (aber möglicherweise auch Qualitäten zu verlieren).
    Kollaboration erfordert einen Rahmen, ein gemeinsames Verständnis und damit eine Steuerung, die die Art der Arbeit (nicht nur der Zusammenarbeit) verändert, deshalb ist sie ein wesentlicher Aspekt, den wir auf Potenziale und Auswirkungen auf den Entwurf im Design hin betrachten wollen.
  • Entwurf
    Der Entwurf ist eine zentrale Dimension in der Design- und Gestaltungspraxis. Durch veränderte Werkzeuge werden Entwürfe scheinbar einfacher und können auch von Nichtdesignern leichter erstellt werden. Gleichzeitig haben sich durch die Digitalisierung aber auch ganz neue Möglichkeiten des Entwurfs, des Prototyping ergeben. Der Entwurf als zentrales Potenzial einer Profession oder gar Disziplin steht daher  immer wieder als konstituierendes Element im Raum.
  • Projektarbeit
    Design hat weder das Projekt noch die Projektarbeit erfunden. Aber gerade im Design – und an der KISD seit 25 Jahren – ist die Projektorientierung aus guten Gründen ein konstituierendes Element des Studiums.
    Das Problembasierte Lernen bietet viele Schnittstellen zur Projektarbeit. Wichtig ist, dass Studierende sich hier ein eigenes Teilproblem wählen, es beschreiben, die Auswahl vertreten und gemeinsam an dem Problem arbeiten – und einstweilen, aber nicht immer und nicht unbedingt zu Lösungen kommen. Im Designkontext ist die Projektarbeit untrennbar mit dem Entwurf verbunden – aber wir können durch zunehmend Projektarbeit in anderen Disziplinen und Settings natürlich hier auch von den Erfahrungen anderer lernen – und wichtige Impulse geben.
  • Digitalisierung
    Führt zu neuen Rahmenbedingungen die auch die (kollaborative) Entwurfs- und Projektarbeit, ob in Hochschulen oder in Designstudios, in Forschung, Lehre oder Berufspraxis radikal beinflusst.
    Wie reagieren wir darauf, wie bewerten wir die Veränderungen? Können wir auch hier mit den Mitteln des Designs, also mit Entwürfen, Prototypen und Iterationen – aber auch mit kritischen Reflexionen und einem interdisziplinären Austausch weiterkommen?

Ich bin nun gespannt auf die Beiträge, die Diskussionen und gemeinsamen Erkenntnisse die wir zu diesem Themenfeld heute kollaborativ entwickeln werden.


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Programm

Freitag, 15. Dezember 2017


09.00 UhrEinlass und Registrierung
09.30 Uhr Prof. Philipp Heidkamp, Dr. Elisabeth Kaliva, KISD
Begrüßung
09.45 UhrProf. Dr. Gerhard M. Buurman, Hochschule Pforzheim
How to design with words
10.30 UhrJun.-Prof. Dr. Sandra Hofhues & Christian Helbig, Universität zu Köln
Studierende ins gestaltungsorientierte Forschen involvieren:
Ein medien- und hochschuldidaktischer Blick
11.15 UhrKaffeepause
11.30 UhrProf. Boris Müller, FH Potsdam
Design zwischen Aufklärung und Verklärung
12.15 UhrProf. Claudia Roeschmann, Texas State University
Digitale Lern- und Lehrstrukturen – A global point of view!
13.00 UhrMittagspause
14.00 UhrProf. Oliver Wrede, FH Aachen
Chancen für diskursive Lehr- und Lernformen durch Digitalisierung
14.45 UhrTill Maria Jürgens, KISD
Einblicke in Blended Studies an der KISD
15.30 UhrKaffeepause
15.45 UhrModerator*innen: Prof. Philipp Heidkamp, Dr. Elisabeth Kaliva, KISD
Podiumsgespräch mit den Vortragenden
16.45 UhrEnde


Details

  • Address Ubierring 40
  • City Köln
  • State / Province NRW
  • Post Code 50678
  • Country Deutschland

Date 15. Dezember 2017

Time 9:00 am - 6:00 pm

Finished