Der Entwurfsprozess bildet an Kunst- und Designhochschulen eine wesentliche Form des Denkens, Lernens, Lehrens und Forschens. Dabei werden Entwurfsprozesse zunehmend durch digitale Kollaborations- und Kommunikationsprozesse bestimmt, die im hochschulischen Lehren und Lernen neue Anforderungen und didaktische Implikationen mit sich bringen.

MALDONADO beschreibt das Entwerfen in der gegenwärtigen technik- und prozessorientierten Gesellschaft als »allgegenwärtig« (MALDONADO 2007: 266). Für AICHER kann gar die gesamte Welt als Entwurf betrachtet werden. Fast alles, auch die uns umgebende Natur, ist AICHER zufolge das »Produkt menschlicher Entwürfe und Fehlentwürfe« (AICHER 1991: 185). Folgt man dieser Einschätzung, ergeben sich gerade in unserer Zeit des digitalen Lehrens und Lernens nicht nur neue Perspektiven für interdisziplinäre entwurfsbasierte Annäherungen an komplexe Fragestellungen, sondern auch neue Anforderungen für Lehre und Forschung im Design. So lässt sich das Entwerfen gleichsam herkömmlich als anwendungsorientierte und produktfokussierte Tätigkeit beschreiben, aus der Produkte, Kommunikationsmittel oder Services hervorgehen können. Fasst man den Begriff jedoch weiter, beschreibt dieser einen handlungsorientierten, wissensgenerierenden und forschenden Prozess (vgl. AMMON 2013, MAREIS 2014, SCHMITZ et. al 2016). Innerhalb dessen gilt es einen Sachverhalt anhand von Entwurfsalternativen zu erfassen und zu begreifen.Durch kommunikative Aushandlungen können bewertbare Alternativen geschaffen und Entscheidungen getroffen werden, die wiederum zu offenen Ergebnissen führen können, wie fassbare Produkte, aber auch einfache Strukturen, Modelle, Konzepte, Pläne oder Ideen. Damit steht nicht die (Er-)Schaffung eindeutiger, klar umrissener Artefakte im Mittelpunkt, sondern die Ergründung und Eingrenzung von thematischen Fragen durch iterative, praxisorientierte und experimentelle Prozesse. Ziel dieser Prozesse ist die Entstehung von Wissensobjekten, sogenannten »epistemischen Dingen«, die nicht apriori eindeutig sein müssen, sondern in ihrer Unbestimmtheit und Ambivalenz zu neuen Fragen und Sichtweisen führen, die man vorher nicht erahnen konnte (RHEINBERGER 2001: 24). Das Entwerfen wird damit zum Erkenntnisprozess, der Wissen schafft (vgl. Ammon 2013:16).

Diese Sicht auf den Entwurfsprozess als Genese von Wissen öffnet den Begriff des Entwerfens auch für andere Disziplinen. So wird dieser nicht nur in den Kulturwissenschaften, sondern auch in den Natur- und Ingenieurswissenschaften verwendet und reflektiert. RHEINBERGER etwa nutzt den Begriff, um Experimente in der Biologie zu bezeichnen und charakterisiert den Experimentalprozess als Forschungsprozess, der unbeabsichtigte Dinge hervorbringen kann (vgl. RHEINBERGER 2001: 56). HÄUSSLING deutet den ingenieurwissenschaftlichen Entwurf als Manifestation des Konstruktionsprozesses. Der Entwurf wird dabei zu einer Ansammlung von Ideen und Vorstellungen der beteiligten Ingenieur*innen, die unter Berücksichtigung unterschiedlicher Faktoren, wie Normen, Naturgesetze, Nutzungsweisen oder ökonomischer Aspekte, entstanden sind (vgl. HÄUSSLING 2016: 35ff.)

Entwurfsprozesse spielen demnach nicht nur in der Kunst und den Gestaltungsdisziplinen Design und Architektur eine zentrale Rolle, sondern auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Mit Blick auf ihre umfassende Bedeutung für die Wissensproduktion in unterschiedlichen Bereichen scheinen Entwurfsprozesse auch geeignet zu sein, in Hochschulen spezifische Lehr-Lernformate in unterschiedlichen Disziplinen hervorzubringen. Vor allem projekt- und forschungsbasierte Lehr- und Lernszenarien schaffen mit ihrer handlungsorientierten Struktur und ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung einen passenden Rahmen für experimentelle und forschende Entwurfsprozesse.

Dabei zeigt sich das Entwerfen als hochkomplexe Tätigkeit, die von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird. So wird der Entwurfsprozess maßgeblich von der Interaktion mit analogen wie digitalen Werkzeugen und den angewandten Methoden bestimmt. Eine Prägung erhält der Entwurfsprozess auch durch den sozialen Austausch der beteiligten Akteurinnen und Akteure – den Lernenden, der Lehrenden, der Forschenden und weiterer Interessensgruppen. Zur Gewährleistung eines systematischen und kontinuierlichen Entwurfsverlaufs sollte die Zusammenarbeit durch nachvollziehbare Entwurfshandlungen gestaltet werden. Hierzu eignen sich wegen ihrer Flexibilität und Verbreitung digitale Kommunikations- und Kollaborationsplattformen. Gestaltung und Einsatz dieser Plattformen zur Hervorbringung entwurfsbasierter Lehr- und Lernszenarien erfordert eine entsprechende Planung, zumal die mediale Umsetzung anspruchsvoller, studierendenzentrierter und sozialer Lernprozesse besondere Herausforderungen birgt. So ist sowohl für das forschende als auch für das projektbasierte Lernen wesentlich, dass die Eigenaktivität der Studierenden gefordert und gefördert wird. Die Studierenden haben keine passive, fremdbestimmte Rolle inne, sondern definieren, gestalten und steuern den Lern-, Forschungs- und Entwurfsprozess aktiv mit. Dazu müssen sie die Möglichkeit haben, ihre Lernprozesse zu organisieren und darzustellen. Bei Gruppen- oder Projektarbeiten werden darüberhinaus kollaborative Formen des Entwurfs und der Wissensproduktion entwickelt, indem die Beteiligten zeit- und ortsunabhängig zusammenarbeiten, digital und vernetzt kommunizieren und unterschiedliche Ressourcen gemeinschaftlich nutzen.

Wie können digitale Lernszenarien in Hochschulen kollaborative Entwurfsprozesse unterstützen und begleiten? Welche Herausforderungen sind damit verbunden? Welchen Einfluss hat die digitale Unterstützung des Entwurfsprozesses auf die Kompetenzprofile der Absolvent*innen? Wie lassen sich inter- oder transdisziplinäre Entwurfsprozesse in digitalen Lernumgebungen gestalten?

Diesen und weiteren Fragen soll zusammen mit Lehrenden, Forschenden und Studierenden in der Konferenz nachgegangen werden. Ausgehend von unterschiedlichen Einblicken in die aktuelle entwurfsbasierte und mediengestützte Lehr- und Lernpraxis sollen gemeinsam neue Impulse und Sichtweisen entdeckt, diskutiert und entworfen werden.

Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenlos. Wir bitten lediglich um Anmeldung unter folgendem Link:
https://ddl-kisd.eventbrite.de


Details

  • Address Ubierring 40
  • City Köln
  • State / Province NRW
  • Post Code 50678
  • Country Deutschland

Date 15. Dezember 2017

Time 9:00 am - 6:00 pm

Starts in 2 months 23 days 18 hours 41 minutes 18 seconds