In seiner Abschlussarbeit „Epidemic Geographies: From Infographics to Cartography“ untersucht Finn Steffens, Absolvent des Bachelorstudiengangs „Integrated Design“, sowohl bestehende als auch mögliche neue Ansätze zur georäumlichen Darstellung der aktuellen Covid-19-Pandemie. Im Fokus stehen dabei die kartografischen Implikationen der weltweit sich ausbreitenden Krankheit für eine rechtliche und soziale Reorganisierung des städtischen Raums.

Die Arbeit im Fachgebiet „Designtheorie und Designforschung“ ist eine Reaktion auf die globale Covid-19-Pandemie, die seit dem Frühjahr 2020 die mediale Berichterstattung sowie das öffentliche und persönliche Leben in der ‚Quarantänegesellschaft‘ dominiert. Sich auf aktuelle, politisch und gesellschaftlich folgenreiche Geschehnisse zu konzentrieren, eröffnet die Möglichkeit, gewohnte Perspektiven und vertraute Zusammenhänge aufzugeben und neue Sichtweisen zu entwickeln. Die Thesis fragt somit auch, wie es möglich ist, eine Situation zu analysieren die sich täglich zu ändern scheint: Wie können Wissen und Orientierung in Zeiten des Wandels geschaffen werden? Die Arbeit untersucht verschiedene Entwicklungen einer Neuordnung des urbanen Raums durch die Pandemie. Sie vergleicht kartografische Darstellungen der Ausbreitung des Coronavirus, indem sie zwei unterschiedliche Modelle des contact tracing – den GPS-basierten und den Bluetooth-basierten Ansatz – gegenübergestellt. 

Gegenwärtig streben vor allem die Industriestaaten danach, ihre Effizienz bei der Kontaktverfolgung durch den Einsatz von Smartphone-Anwendungen zu steigern. Der Versuch, unter Zuhilfenahme von mobilen Endgeräten Kontaktpersonen zu ermitteln, erwies sich für Südkorea als besonders erfolgreich. So konnten dort die Anti-Corona-Maßnahmen wie z.B. Ausgangssperren kurz nach Inkrafttreten wieder gelockert werden. Infolge der Erfassung von GPS-Daten waren die zuständigen Behörden in der Lage, die geografischen Positionen infizierter Personen zurückzuverfolgen und sie in öffentliche ‚epidemische Karten‘ einzutragen. 

Im ersten Teil geht die Arbeit „Epidemic Geographies“ der Frage nach, wie der auf Geodaten basierende Ansatz der Kontaktverfolgung zu einer präventiven Eindämmung der Pandemie beitragen kann. Dafür werden jene Daten, welche die südkoreanische Regierung öffentlich zur Verfügung gestellt hat, in einer Zweikanal-Videoarbeit visualisiert. Hierbei zeigt sich, dass die kartografischen Darstellungen infizierter Personen den urbanen Raum in verschiedene Ansteckungszonen unterteilen. Mit Blick auf aktuelle Theorien der Stadtforschung argumentiert die Arbeit, dass die Pandemie und ihre digitalen Karten zu einer dynamischen Aufteilung der Stadt in kleinere Territorien beitragen. Wird dieses Phänomen der digitalen Neugliederung der Stadt bisher in Bezug auf wirtschaftliche Akteure*innen der Plattformökonomie wie beispielsweise Uber oder AirBnB diskutiert, zeigt die Arbeit, dass auch die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der weltweit sich ausbreitenden Krankheit den urbanen Raum rechtlich und sozial neu organisieren. So werden für Straßen und Plätze unterschiedliche Regelungen für Ausgangssperren und Maskenpflicht getroffen, je nachdem in welcher Infektionszone sie liegen. 

Im zweiten Teil wendet sich die Arbeit dem Bluetooth-basierten Ansatz der Kontaktverfolgung zu, wie er beispielsweise in Deutschland seine Anwendung findet. Hierbei wird nicht die geografische Position der Personen erfasst, sondern ihre Relation zu anderen Personen, welche dieselbe Corona-Warn-App nutzen. Während das südkoreanische Modell die infizierten Personen kartiert und damit zur Infektionsprävention beiträgt, verzichtet der Bluetooth-basierte Ansatz auf kartografische Darstellungen und folglich auf präventive Maßnahmen. Die Arbeit fragt danach, ob auch für das Bluetooth-basierte Modell der Kontaktverfolgung kartografische Modelle produktiv gemacht werden können, die ein proaktives und präventives Handeln zur Eindämmung der Pandemie ermöglichen. In einer spekulativen Augmented-Reality-Anwendung wurde eine solche relationale epidemische Kartografie konzipiert, die integraler Bestandteil der „Corona-Warn-App“ werden könnte. 

Die Erstellung einer solchen Infektionskarte ist jedoch nicht nur dazu gedacht, produktive Konzepte zur Eindämmung des Virus zu entwickeln. Sie ist auch ein Mittel, um die bestehenden Ansätze zur Diskussion zu stellen und kritisch zu reflektieren. In diesem Sinne ist die Kartografie als spekulatives Design zu verstehen, das zwischen produktiver Kritik und reflexivem Entwurf changiert. Die Arbeit zielt also weniger darauf ab, neue kartografische Modelle der Pandemie zu entwickeln und ihre Wirksamkeit zu beurteilen, als vielmehr, eine kritische Debatte über Methoden der Pandemiebekämpfung und ihrer kartografischen Darstellungen anzustoßen. 

In einer installativen Ausstellung stellen zwei Videoarbeiten beide Ansätze der Kontaktverfolgung vor. Die AR-Anwendung der Bluetooth-basierten Kartografie können Besuchende auf ihrem Smartphone ausprobieren und deren soziale Implikationen selbst erproben. 

Video 1

Video 2